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Dienstag, 18. Juni 2019

Notizen aus der Provinzhauptstadt: Dortmunder Sozialbericht zeichnet katastrophale Entwicklung.

DIE LINKE in Dortmund hat bei der Europawahl rund 700 Stimmen hinzugewonnen, aber relativ gesehen aufgrund der höheren Wahlbeteiligung Stimmenanteile auf nun 5,6 Prozent der Stimmen verloren. Damit liegen wir in Dortmund leicht über dem Bundesdurchschnitt. Das linke Spektrum insgesamt war bei dieser Wahl auch aufgrund vieler antretender und zum Teil neu aufgetretener Kleinparteien sehr zersplittert. Ein Ziel für die im kommenden Jahr anstehende Kommunalwahl wird es sein, diese fast 26.000 Stimmen wieder bei der LINKEn zu bündeln, um ihnen auch politische Wirkung zu verleihen. Das ist umso dringender, als der jetzt nach über zehn Jahren erneuerte Sozialbericht der Stadt - den die Fraktion DIE LINKE & PIRATEN intensiv vom Sozialamt eingefordert hat - katastrophale Defizite aufzeigt. Hier ein Auszug aus dem Newsletter unserer Ratsfraktion:

30 Prozent aller Dortmunder Kinder leben in einem Hartz IV-Haushalt. Fast ein Fünftel aller Dortmunder*innen lebt irgendwie vom amtlichen Existenzminimum (mehr als 18 Prozent). In den letzten zehn Jahren sind rund 15.000 Menschen zusätzlich in Hartz IV oder die Grundsicherung gerutscht. Die Arbeitsmarktdaten weisen auf grundsätzliche Probleme hin. Zwar feiert die Stadtspitze regelmäßig eine sinkende Arbeitslosenquote und eine steigende Zahl von sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen. Aus den Daten des Sozialberichtes geht aber hervor, dass diese zusätzlichen Stellen zu drei Vierteln aus Teilzeitstellen bestehen. Insgesamt 30.000 Menschen arbeiten mehr in Teilzeit als noch vor zehn Jahren. Das ist eine Verdoppelung dieser überwiegend prekären Jobs gegenüber den Vergleichsdaten aus 2007.

Auffällig – aber nicht überraschend – sind auch die völlig unterschiedlichen Lebensverhältnisse in den Dortmunder Stadtteilen. Im Süden beträgt die Transferleistungsquote nur 3,6 Prozent, in der Nordstadt dagegen sind zum Teil bis zu 44 Prozent aller Bewohner*innen auf staatliche Unterstützung angewiesen. Das hat mit einer „Sozialen Stadt“ nichts mehr zu tun. Es entspricht vielmehr den Warnungen linker Sozialwissenschaftler wie Prof. Christoph Butterwegge. Dieser hatte schon vor Jahren vor einer gespaltenen Stadt gewarnt, bei der die Lebenslagen immer weiter auseinander klaffen. Konflikte sind dann auf Dauer unvermeidbar.

Die neuen Daten wurden von Linken & Piraten selbstverständlich in die Kategorie „besondere Bedeutung und öffentliches Interesse“ eingestuft. Das heißt: Fraktionssprecher Utz Kowalewski hatte beantragt, das Thema als einen „Tagesordnungspunkt von besonderer Bedeutung“ ganz vorne auf die Tagesordnung der Ratssitzung im Mai zu setzen. Leider sah die Mehrheit das anders und behandelte den Sozialbericht unter „ferner liefen“.

Den neuen Sozialbericht gibt es als pdf unter: https://www.dortmund.de/de/rathaus_und_buergerservice/lokalpolitik/aktionsplan_sozial e_stadt/startseite_aktionsplan/index.html

Donnerstag, 23. März 2017

Notizen aus der Provinzhauptstadt: „Festivalisierung“ der Stadt – Politik im Erlebnisrausch

Ist es wirklich schon Ewigkeiten her, dass leitende Kommunalbeamte respekt- und vertrauensvoll „Stadtväter“ genannt wurden? Heute fühlen sie sich lieber als Manager eines „Konzerns Stadt Dortmund“ (zum Beispiel). Um ihr Unternehmen zu vermarkten, müssen sie die Stadt, unser Stückchen Heimat zu einer „Marke“ hochstilisieren. Die Dortmunder Stadtspitze ist da wirklich Spitze. Ihr neuester Marketing-Gag: Ein „Masterplan Erlebnis.Dortmund“ soll unser Alltagsmilieu zum Dauer-Event aufmotzen. Wäre es nicht so peinlich, könnte man drüber lachen, wie sie mit heraushängender Zunge einer blindwütigen Marktideologie hinterher stürzen. Dabei planen die Masters an den Tatsachen vorbei ins Blaue.

Tatsachen? – Nur passende!

Der Umbau der alten Kohle-Stahl-Bier-Stadt zum Dienstleistungszentrum hat beachtliche Ströme von Geschäftsreisenden, Messe- und Kongressbesuchern in die Stadt gebracht. In den letzten acht Jahren stieg die Zahl der Übernachtungen von 749.300 (2009) um 465.200 auf 1.214.500 (2016), um durchschnittlich 58.000 pro Jahr. Der Masterplan will diesen Trend nicht nur um weitere acht Jahre verlängern, sondern jedes Jahr um 100.000 steigern, also fast verdoppeln.
-       Aber Tatsache ist auch: Der Umbau der Wirtschaftsbasis ist im wesentlichen abgeschlossen. Viel mehr als die heute erreichten 85 % Dienstleistungsjobs gibt der Arbeitsmarkt der Stadt nicht her, ohne die verbliebene industrielle Basis weiter zu zerstören. Der Ausbau der Hochtechnologien stößt an die Grenze des Fachkräftemangels. Die Geschäftsbesucherzahl wird sich nicht mehr verdoppeln lassen, schon gar nicht binnen acht Jahren.
Dortmund ist nach dem Abgang der Montanindustrien grüner geworden, sauberer, ansehnlicher. Seine Sehenswürdigkeiten locken 34,5 Millionen Tagesgäste an (2015). Diesen Trend will der Masterplan ebenfalls noch steigern.
-       Aber: Stillschweigend unterstellt werden dafür weiter steigende Masseneinkommen nicht nur in Deutschland, sondern auch bei unseren Nachbarn. Das kann nicht funktionieren. Bei uns basierten Einkommenszuwächse der letzten Jahre auf der deutschen Sonderkonjunktur der Exportüberschüsse – aber diese gingen zu Lasten ihrer Handelspartner, erhöhten dort die Arbeitslosigkeit und senkten die Einkommen. Die EU-Krise, der Brexit, der neue USA-Protektionismus werden Deutschland in den nächsten Jahren zwingen, die Ungleichgewichte abzubauen und mit den Überschüssen der Exportwirtschaft die Einkommenszuwächse auf europäisches Mittelmaß zu senken.
Unterstellt wird weiter anhaltende, von Terrorismus, internationalen Spannungen und sozialen Abstiegsängsten durch „Industrie 4.0“ unbeeindruckte Reiselust einer sorgenfreien Mittelschicht.
-       Alles höchst unwahrscheinliche Annahmen, wie die rückläufigen Passagierzahlen des Flughafens inzwischen schwarz auf weiß bestätigen.

Was nicht passt, wird passend gerechnet

Der Beitrag des Tourismus zur Dortmunder Wirtschaftsleistung wird im Masterplan nicht nur übertrieben, sondern seine Berechnung ist grob fehlerhaft und daher falsch.
Nach den -ungeprüften- Angaben einer privaten Beraterfirma geben die Besucher in Dortmund jährlich ca. 1,3 Milliarden € aus, entsprechend 6,4 % der gesamten Wirtschaftsleistung der Stadt. Davon angeblich 690 Millionen € für Einkäufe. Das wären unglaubwürdig hohe 18,2 % am Gesamtumsatz des Dortmunder Einzelhandels!
Die 1,3 Mrd.€ Umsatz tragen angeblich 600 Millionen € zu den Primäreinkommen der Erwerbstätigen in Handel, Verkehr und Gastgewerbe bei. Fälschlich wurden darin die Vorleistungen doppelt eingerechnet, um diesen Fehler korrigiert bleiben knappe 345 Millionen € für Erwerbseinkommen übrig. Das sind gerade mal 3 % aller Dortmunder Primäreinkommen, die sich aber auf 30 % aller Erwerbtätigen verteilen. Womit bewiesen ist, dass der Tourismus nur weniger als 1 %, also verschwindend wenig zur Lebenshaltung der Dortmunder Erwerbsbevölkerung beiträgt, und dass obendrein der Masterplan wieder einmal Branchen mit besonders niedrigen Arbeitsentgelten (und den miesesten Arbeitsbedingungen) besonders fördert.

Die Stadt als Kulisse der Event-Industrie

Die Stadt ist alltäglicher Lebensort mit all ihren schönen und Schattenseiten, Gemeinwesen und Heimat ihrer Bewohner. Doch dieser Masterplan und seine Macher haben ein ganz anderes Bild vor Augen, sie begreifen das Stadtleben als pausenlose Abfolge von „Erlebnissen“, möglichst einzigartigen „Events“. Die bekannten Sozialwissenschaftler H.Häußermann und W.Siebel prägten dafür den Ausdruck „Festivalisierung der Städte“ und ordneten diese Art Stadtentwicklungspolitik der neoliberalen Ideologie des totalen Wettbewerbs zu. Und sie fragten (schon zwanzig Jahre vor der heutigen Politikverdrossenheit): „Könnte es vielleicht sein, dass eine Politik, die ihr eigenes Überflüssigwerden in den Augen der wahlentscheidenden Mehrheit ahnt, Projekte gleichsam als Selbstrechtfertigung erfindet? Festivalisierung der Politik als Inszenierung der eigenen Daseinsberechtigung?“ (in: Werk, Bauen+Wohnen Heft 6/1998 S.29)

Cui bono – wem zum Vorteil?

Wie oben nachgewiesen, ist der Beitrag des Tourismus zur Dortmunder Wirtschaft mit etwas über  6 % eher gering. Wenn alle Hotels, Gaststätten, Discos und Boutiquen zusammen gerade mal ein Sechzehntel des BIP von den Besuchern abschöpfen, muss hinter diesem Masterplan noch ein anderes Kalkül stecken als die gewöhnliche Kumpanei neoliberal geprägter Wirtschaftsförderung mit einflussreichen Unternehmerverbänden.

Schon der römische Kaiser Trajan (98 bis 117 n.u.Z.) wusste, wie Politik die Volksmassen unmündig im Bann halten kann: „Panem et circenses“ – Brot und Spiele müsse die Herrschaft dem Volk bieten, damit es gar nicht erst auf unnütze Gedanken kommt. Und wenn heute das „Brot“, ein auskömmliches Leben nicht mehr für Alle vorgesehen ist, weil die Superreichen zu wenig fürs Volk übrig lassen, dann müssen umso mehr „Spiele“ – auf neudeutsch „Events“ inszeniert werden. Das ist der tiefere Hintersinn solcher Politik. Noch einmal Häußermann/Siebel: „Festivalisierung ist auch das organisierte Wegsehen von sozialen, schwer lösbaren und wenig spektakuläre Erfolge versprechenden Problemen… Dafür eignen sich am besten die allgemeinsten Themen, die allen gute Gefühle verschaffen – besonders der Sport.“ (aaO)

Tatsächlich: Fußball, Bier und „urbane Subkultur“ heißen die drei Anrufungen, mit denen „Feierkultur, Geselligkeit, Spaß“ zum „Erlebnis.Dortmund“ überhöht werden sollen. Sie reduzieren den ganzen Masterplan auf ein lächerlich unangemessenes Rummelniveau. – Wohlgemerkt, alles liebenswerte Züge eines lebenswerten Ortes, die aber können Bochum, Köln, Aachen, Lüttich, Amsterdam, Manchester und Dutzende andere europäische Städte auch für sich geltend machen, und darüber hinaus einiges mehr. Warum also soll Dortmund so armselig für sich werben?


Wer von uns, wieviele und welche Teile unserer Stadtgesellschaft können und wollen sich so ein Leben im Erlebnisrausch leisten? An den Bedürfnissen der Bevölkerungsmehrheit geht diese elitäre Politik meilenweit vorbei. Cui bono? Fast ausschließlich der Oberschicht und ihrem genusssüchtigen Nachwuchs.

Freitag, 6. Januar 2017

Kommunalpolitik in der Krisenzeit: Aktiv statt passiv! Ein Blick über den Gartenzaun

Denkanstoß zur Klausur 2017 der Dortmunder Ratsfraktion LINKE&Piraten

Das neue Jahr wird spannend. Ein Jahr der Weichenstellungen für unser zukünftiges Leben. Nicht nur die Landtags- und Bundestagswahlen in Deutschland; Wahlen auch in Frankreich und Italien, mit evtl. weitreichenden Folgen; der bevorstehende Brexit Englands; Griechenland steht vor der nächsten Erpressung durch die Berliner Euro-Imperialisten; alles das stellt Weichen, wie es mit Europa und dem Euro weitergeht; darüber hinaus hängen z.B. unsere Flüchtlingszahlen nicht nur von Merkel, Seehofer, Gabriel und populistischen Scharfmachern ab, sondern auch davon wie der neue US-Präsident sich im Machtkampf der Weltmächte im Nahen Osten verhalten wird; usw.
Alles das kann uns Kommunalpolitiker-innen nicht kalt lassen. Linke Kommunalpolitik zeichnet sich ja dadurch aus (-sollte sich zumindest dadurch auszeichnen-), dass sie die Gestaltung des städtischen Zusammenlebens in allgemeinere Ziele einordnet, die sie von der Einsicht in umfassendere historische Erfordernisse ableitet. Unser Horizont ist nicht der Gartenzaun.
Einigermaßen aufgeklärte Menschen wissen doch (ahnen zumindest), dass wir die Ursachen der brennenden Probleme, auf die Stadtpolitik heute reagieren muss, in den weltweiten Krisen der kapitalistischen Gesellschaft zu suchen haben, und dass unsere Antworten sich in die übergreifenden Strategien zur Überwindung der Systemkrise des Kapitalismus einpassen müssen.

Dass wir es mit einer Systemkrise zu tun haben, dass der Kapitalismus nicht mehr funktioniert wie er nach den Lehrbüchern sollte, das pfeifen heute ja schon die hellsichtigeren Vertreter der herrschenden Eliten selbst von den Dächern. Sogar der Deutschlandfunk brachte im Dezember eine ganze Sendereihe in sechs Folgen über die "aktuelle Brisanz der Marx'schen Kategorien" Kapital, Mehrwertproduktion und -aneignung, Entfremdung, Krisen, Niedergang des Kapitalismus und dessen mögliche Überwindung - und sowas im Deutschlandfunk!
Wir wissen z.B. dass die Flüchtlingsströme, die letztlich in den Kommunen ankommen, individuelle Versuche, der Zerstörung ganzer Weltregionen zu entfliehen, ganz wesentlich verursacht werden durch Stellvertreterkriege für die verschärfte Konkurrenz der Großmächte um die Ausbeutung der Weltressourcen. Wir wissen, dass der religiöse Fanatismus, der jetzt unsere Städte mit Terror bedroht, ein ebenso verzweifelter wie reaktionärer Fluchtversuch aus dem globalen Desaster der Profitwirtschaft ist. Wir wissen, dass die Populisten, die sich jetzt auch im Dortmunder Stadtrat breit machen, auf die berechtigte Enttäuschung über die Unfähigkeit und Unwilligkeit der Herrschenden zur Überwindung der Systemkrise in Wahrheit nur Scheinantworten liefern. Wir wissen, wenn "die Märkte" nur noch den Reichtum der oberen Zehntausend ins Unermessliche steigern und spiegelbildlich Millionen Menschen in Armut drücken, dass dann auch Merkels "marktgerechte Demokratie" an Zustimmung verliert.
Die Systemkrise ist unbestreitbar. Und linke Politik hat auf sie angemessen zu antworten und eine Strategie zu ihrer Überwindung anzubieten.

In dieser Krisenlage muss linke Strategie nach meinem Verständnis darauf abheben, die berechtigte Wut der Menschen sowie rückwärtsgewandte Scheinantworten "nach vorne" zu überwinden: nämlich mit einer Politik, die neue Wege der gesellschaftlichen Aneignung ebnet.
"Gesellschaftliche Aneignung" - das wäre in meinen Augen die passende und umfassende Formel für unsere strategische Antwort: die schrittweise Aufhebung des von Marx erkannten Widerspruchs zwischen der gesellschaftlichen Produktion und der privaten Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums. Eine Formel, der eigentlich auch "Piraten" zustimmen können.
Darunter haben wir nicht nur die Rekommunalisierung privatisierter Produktions- und Dienstleistungsbetriebe zu fassen und natürlich den traditionellen Genossenschaftssektor und sozialgewerbliche Kooperativen, sondern mehr und mehr auch die mit fortschreitender Digitalisierung wachsenden Netzwerke freischaffender Produzenten (Open-source, Wissensallmende, Commons-Bewegung usw.). Ja, es ist an der Zeit, unseren klassischen Begriff des "Proletariats" (nicht abzulegen, sondern) den veränderten Gesellschaftsstrukturen anzupassen.
Gesellschaftliche Aneignung - das ist in der Tat der epochale Umbruch, der aus der Krise des Kapitalismus heraus führt. Dieser Umbruch vollzieht sich nicht in einem einzigen gewaltsamen Akt, sondern Steinchen für Steinchen, bis Quantität in neue Qualität umschlägt.

Die gesellschaftliche Linke - und besonders deren parteilich organisierter Teil - hat in dieser Krisensituation eine doppelte Verantwortung:
- Zum einen muss sie Prozesse der gesellschaftlichen Aneignung politisch absichern und unterstützen.
- Zum andern muss sie einen entsprechenden Mentalitätswandel ("Wertewandel") vorantreiben:
die klassischen Werte der Arbeiterbewegung - Solidarität, Schutz der Benachteiligten, Kampf gegen Ausbeutung, Selbstermächtigung durch demokratische Organisation und Bildung, Verteidigung der Freiheitsrechte - "aufheben" (in Hegels doppeltem Wortsinn) in kooperativer Vernetzung der Produzenten in unterschiedlichsten Organisationsformen. Natürlich ist beim gegenwärtigen Entwicklungsstand noch nicht absehbar, auf welchen Wegen mit welchen Methoden private Großkonzerne "vergesellschaftet" werden können, und darauf kommt es letztlich an – aber diese große Zukunftsaufgabe wird die Gesellschaft auch nur lösen können, indem die Einsicht in die Notwendigkeit gesellschaftlicher Aneignung zum hegemonialen Allgemeingut wird.

Noch sind die Linken in Räten und Parlamenten viel zu schwach, um der bürgerlichen Herrschaft auf Augenhöhe zu begegnen. Solange wir uns selbst dem vermeintlichen Sachzwang beugen, auf jede der tausenderlei Verwaltungsvorlagen adäquat reagieren zu müssen, bleiben wir in der Defensive stecken. Stattdessen mahne ich zur Besinnung auf unsere eigene Politik, unsere eigentliche Verantwortung:
Linke Fraktionen müssen zu Kristallisationskernen und politischen Agenturen gesellschaftlicher Aneignung werden. Politik, auch Kommunalpolitik bringt diesen Prozess nur voran, wo sie sich auf die Unterstützung entsprechender Basisinitiativen, Organisationen und Projekte konzentriert.

Mittwoch, 30. September 2015

Notizen aus der Provinzhauptstadt: Stadtwerke-Chef verzockte Milliarden und wird wieder gewählt


Nach der Selbstdarstellung der Dortmunder Stadtwerke „war sich der Aufsichtsrat einig“, dass der Vorstandschef Guntram Pehlke „hervorragende Arbeit abliefert“ und bestätigte ihn daher am Dienstag für weitere fünf Jahre im Amt. Das war eine bewußte Falschmeldung: Die AR-Mitglieder der Linken sowie der FDP haben sich bei der Wahl enthalten, die Grünen haben abgelehnt.

Warum haben wir uns enthalten?

Auch wenn Stadtwerke privatrechtlich als Aktiengesellschaft firmieren wie in Dortmund, müssten deren Vorstände und Aufsichtsräte eigentlich dem Gemeinwohl verpflichtet sein. Das ist bei den Dortmunder Stadtwerken ganz und gar nicht der Fall. Obwohl die DSW21 AG zu hundert Prozent der Stadt gehört, zockt Vorstandschef Pehlke  mit dem Geld der Dortmunder Bürger wie ein Großspekulant am Kapitalmarkt. Und ließ sich mehrere milliardenschwere Fehlspekulationen zuschulden kommen.

Darunter:
-die Anhäufung von immer mehr heute fast wertlosen RWE-Aktien bei den Stadtwerken,
-die Entscheidung, in das RWE-Pannenkraftwerk Gekko zu investieren
-und die Zustimmung zur weiteren Beteiligung von RWE an der Dortmunder Energie- und Wasserversorgung, der hoch profitablen Stadtwerke-Tochter DEW21.
Mit all dem hat er der Stadt Dortmund Schäden von Hunderten Millionen Euro zugefügt, und die könnten mit dem weiteren Niedergang von RWE noch mehr werden. Faktisch handelt er wie der Statthalter von RWE in Dortmund (neben dem OB Sierau). Und das macht ihn faktisch auch zum Gegner der Energiewende (siehe das Kohlekraftwerk Gekko).

Um die Stadtwerke herum hat er ein weit verzweigtes Imperium von Beteiligungen aufgebaut, in dem er das Sagen hat: Geschäftsführer von drei weiteren Gesellschaften, Aufsichtsratsvorsitzender der Gelsenwasser AG, der STEAG, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Stadtwerke Schwerte GmbH. Dies alles weitgehend außerhalb öffentlicher Beobachtung und Kontrolle. Denn eine Aktiengesellschaft ist per Gesetz vor den Augen der Bürger weitgehend abgeschirmt, und auch die Mehrheit der Ratsmitglieder im DSW-Aufsichtsrat hat, statt Pehlkes Abenteuerkurs zu stoppen, alle Fehlspekulationen mit zu verantworten.

Wir dürfen und wollen Pehlke auch nicht verzeihen, dass er als Stadtkämmerer, kurz vor seinem Wechsel auf den Chefsessel der Stadtwerke, Dortmunds Stadtbahnen und –anlagen sowie die Westfalenhallen an US-amerikanische Finanzhaie verschacherte, was die Stadt auf Generationen hinaus mit vielen Millionen Schadenersatzrisiken belastet.

Warum haben wir ihn nicht abgelehnt, sondern uns enthalten?

Trotz seiner spekulativen Abenteuer hat Pehlke sich immer öffentlich gegen Versuche gestellt, die Stadtwerke und ihre Aufgaben der kommunalen Daseinsvorsorge zu privatisieren. Selbst die Beteiligung von RWE an DEW21 hätte er lieber beendet, um die ganze Dividende aus dem Strom- und Gasgeschäft den Stadtwerken gut zu schreiben, beugte sich dann jedoch dem hohen Abfindungsanspruch von RWE sowie dem politischen Druck der RWE-Lobbyisten in Rat und Stadtverwaltung.

Pehlkes eindeutige Positionierung zugunsten der öffentlichen Daseinsvorsorge in kommunaler Verantwortung liegt nicht nur im Interesse der Bürger, sondern besonders auch der Beschäftigten der Stadtwerke für die Sicherung ihrer Arbeitsplätze.
Mit einem anderen Vorstandsvorsitzenden würde das Risiko einer schrittweisen Privatisierung der Stadtwerke evtl. größer.

Montag, 20. April 2015

Notizen aus der Provinzhauptstadt: Kommunaler Strukturwandel – Umrüstung des Hinterlands für die deutsche Neuordnung Europas. Beispiel Dortmund



Dieser Aufsatz basiert auf einem Vortrag für die IG Metall Hörde-Nord, gehalten am 14.04.15

Unter dem irreführenden, mehr verbergenden als aufklärenden Schlagwort „Strukturwandel“ haben die meisten alten Industriestädte Deutschlands ihre industrielle Basis zu großen Teilen eingebüßt und die Arbeitsplatzverluste durch Dienstleistungsjobs auszugleichen versucht. So auch Dortmund, das durch Abzug seiner alteingesessenen Industrien – „Kohle-Stahl-Bier“ – an die 80.000 Arbeitsplätze verlor und (nur) 40.000 im Dienstleistungssektor gewann.

Schon die Aufgabe der alten Standorte folgte ja nicht blinden Naturkräften, sondern den strategischen Plänen weltmarktorientierter Großkonzerne. Ebenso haben wir die neu entstandenen kommunalen Strukturen als Bausteine übergreifender Wirtschafts- und Sozialstrategien zu begreifen und zu beurteilen. Vor dem Hintergrund der Eurokrise stellen sich da auf den zweiten Blick Zusammenhänge her, die trotz – oder wegen – ihrer gesellschaftlichen Brisanz Politik und Medien geflissentlich übersehen und manch ahnungsloses Stadtoberhaupt sogar empört von sich weisen würde, weil es sich seiner ideologischen Einbindung in die strategischen Konzepte seiner Klasse nicht bewußt wird. Aber Ignoranz war nie ein guter Nothelfer.

Statt der vertraglich zugesagten Ersatzarbeitsplätze heuerte der Thyssen-Krupp-Konzern 1998 bei seinem Rückzug aus Dortmund die Unternehmensberatung McKinsey an und schwatzte dem neuern OB Langemeyer ein phantastisches Projekt auf, das „Dortmund-Project“. Es versprach, bis 2010
-       70.000 neue Arbeitsplätze zu schaffen,
-       die Arbeitslosenzahl unter 13.000 zu senken,
-       Wertschöpfung, Einkommen und Steueraufkommen um "mindestens 50 %" zu steigern,
-       und einen Zuwachs der Einwohnerzahl um 30.000.
Und das alles durch kräftige Förderung von drei Leitbranchen, die zur damaligen Zeit überdurchschnittlich expandierten und in Dortmund günstige Bedingungen vorfanden: unternehmensnahe IT-Dienstleistungen (Callcenters, Softwareentwickler usw.), Logistik, Mikrosystem- und Nanotechnik. Später kamen Biotechnologie und Gesundheitsdienstleistungen hinzu, noch später „Produktionstechnik“ und „Kreativwirtschaft“.

Nach einigen Jahren war deutlich zu erkennen, dass die Wirtschaft in Dortmund tatsächlich eine überdurchschnittliche Dynamik des „Strukturwandels“ aufweist, aber bei weitem nicht in den von McKinsey angekündigten Größenordnungen. Seine oben genannten Zielgrößen verfehlte das Dortmund-Project bei weitem.

Die Erwerbstätigkeit nahm zwischen 2000 und 2013 um insgesamt 30.000 zu (auf über 308.000). Über die Qualität der neuen Arbeitsverhältnisse machte die Wirtschaftsförderung lange Zeit keinerlei Angaben. Laut DGB und Sozialforschungsstelle der Uni Dortmund entstanden sie vor allem in Klein- und Kleinstbetrieben („Ich-AG's“), zu Niedriglöhnen, in Teilzeit, Leiharbeit, Minijobs und Scheinselbständigkeit. Seit 2006 nahm auch die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung (SVB) um 23.000 Stellen zu, aber per saldo ausschließlich durch Umwandlung von Vollzeit- in Teilzeitstellen. Und im gleichen Zeitraum verdoppelte sich die Zahl der „geringfügig Beschäftigten“ (Minijobs) auf 62 000. Vor allem geringqualifizierte Helfertätigkeiten sind von einer "Zerstückelung" der Arbeitsplätze betroffen.

Nach Ausbildungsabschlüssen aufgeschlüsselt, wuchs die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung (SVB) ausschließlich im Segment der Hoch- und Höchstqualifizierten, der Akademiker (neudeutsch „High Potentials“: +131 % gegenüber 1987). Hingegen sank die Zahl der Beschäftigten mit abgeschlossener Lehre oder Fachschule (-12 %), die Stellen für Ungelernte schrumpften sogar fast um die Hälfte (-47 % gegenüber 1987). Die Arbeitslosenquote liegt bei den Ungelernten über 40 %. Diese Arbeitslosen mit geringer oder gar keiner Berufsqualifikation bilden auch den harten Kern der verfestigten Langzeitarbeitslosigkeit. Ende 2014 waren 17.400 Dortmunder/-innen als Langzeitarbeitslose registriert; von diesen haben mehr als die Hälfte keine abgeschlossene Ausbildung.

Infolge des derart gespaltenen Arbeitsmarktes wurde Dortmund auch zur „heimlichen Hauptstadt der Aufstocker“, die zu ihrem Arbeitslohn ergänzendes ALG 2 beziehen müssen (Ende 2014: 14.556, mit der höchsten Steigerungsrate im Ruhrgebiet, ganz NRW und bundesweit).

Der „Strukturwandel“ nützte also ausschließlich einer hochqualifizierten Oberschicht und schadete der breiten Masse der Dortmunder/-innen. Die Dortmunder Wirtschaftsförderung (WF-DO) trägt große Mitschuld an diesem gespaltenen Arbeitsmarkt. Seit dem Dortmund-Project fördert sie massiv einerseits solche Unternehmen, die überproportional viele Akademiker beschäftigen (IT, MST, Biomedizintechnik, „Kreativwirtschaft“), andrerseits solche, die besonders viele prekäre Jobs anbieten (Logistik, Gesundheitswirtschaft).

Die Entwicklung hat dahin geführt, dass die Dortmunder Wirtschaft inzwischen mehr „atypische“ (prekäre) Jobs bietet als Normalarbeitsverhältnisse. Und dass wir heute einen total aufgesplitterten Arbeitsmarkt haben, wo Kolleginnen und Kollegen nebeneinander für dieselbe Arbeit unterschiedlich bezahlt werden, unterschiedliche Arbeitsverträge und ungleiche Rechte haben. Eine gemeinsame Interessenvertretung wird immer schwieriger.

Kommunale Wirtschaftsförderung und europäische „Reformagenda“

Diese Befunde, Ergebnis auch der kommunalen Wirtschaftsförderung, passen sich haargenau in die „Reformagenda“ ein, welche die Deutsche Bundesbank ab 2010 als Ausweg aus der europäischen Krise vorgab. In ihrem Monatsbericht vom Juli 2010 forderte sie für die gesamte Eurozone:
-       erstens „Lohnmoderation als Weg zu mehr Beschäftigung und Wachstum“,
-       zweitens „Dämpfung der übersteigerten inländischen Nachfrage“.
Als Instrument dafür sah sie zuallererst einen breiten Niedriglohnsektor, wie er in Deutschland nach der Initialzündung durch die Hartz-Schröder’schen „Arbeitsmarktreformen“ auswucherte und heute noch nicht seinesgleichen in Europa findet.

In der Tat, wie das Dortmunder Beispiel zeigt, führte vor allem die Deregulierung des Arbeitsmarktes mithilfe  auch planmäßiger kommunaler Wirtschaftsförderung genau zu der von der Bundesbank gewünschten „inneren Abwertung“, nämlich durch drastische Entwertung der Ware Arbeitskraft sowohl zur Senkung der Lohnkosten der deutschen Exportwirtschaft („Lohnmoderation“) als auch zur „Dämpfung der inneren Nachfrage“ und befeuerte so den gnadenlosen Wettbewerb der Leistungsbilanzen, in dem Deutschland jetzt Europas Süden zur deutschen Sonderwirtschaftszone degradiert:

Gegenläufig zur Zunahme der prekären Arbeit in Dortmund sank das Gesamtvolumen der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung (Anzahl der Beschäftigten x Arbeitszeit). Infolge dessen kann die Wertschöpfung der Dortmunder Wirtschaft seit zehn Jahren nur noch die Inflation ausgleichen, d.h. real stagniert sie.

Die verfügbaren Einkommen pro Kopf wuchsen in Dortmund in den letzten zehn Jahren nur noch durchschnittlich um +0,3 % jährlich (inflationsbereinigt). Bei der oben dargestellten Spreizung des Arbeitsmarktes bedeutet das: Einkommenszuwächse nur noch für die hochqualifizierte Oberschicht – Einkommensverluste für die breite Mehrheit. (Ende 2013 bescheinigte das Statistische Bundesamt den Dortmunder/-innen das höchste Armutsrisiko unter den größten deutschen Städten. Amtlich lebt hier mehr als ein Viertel an und unter der Armutsschwelle, mit stark steigender Tendenz seit Einführung der Hartz-Gesetze.)

Die Folgen des Strukturwandels für den Lebensstandard der Dortmunder/-innen sind:
-       sinkende Realeinkommen für die Mehrheit (Zuwächse nur noch für höhere Einkommen)
-       stagnierende Massenkaufkraft und Einzelhandelsumsätze,
-       Zunahme der Überschuldung und Insolvenzen,
-       hohe Kinderarmut.
Also genau nach dem Rezept der Bundesbank: Einkommenssenkung („Lohnmoderation“) und Dämpfung der Nachfrage am Binnenmarkt.

Kaputtsparen der Kommunen wie ganzer Länder für den Wettbewerb

Vollbeschäftigung ist am kapitalistischen Arbeitsmarkt auf absehbare Zeit nicht mehr drin. Wenn aber ein Fünftel der Wirtschaftskraft einer Stadt brach liegt und ein Viertel der erwerbsfähigen Bevölkerung unbeschäftigt oder zu niedrig entlohnt mitgezogen werden muss, ruiniert das nicht nur die Sozialkassen und den städtischen Haushalt. Sondern es entwürdigt die betroffenen Menschen zu Bittstellern und Almosenempfängern.

Dennoch bildet die Kehrseite des mit –zig Millionen aus der Stadtkasse geförderten Strukturwandels die wuchernde Überschuldung der Städte, erzwungen auch durch eine Bundes- und Länderpolitik, die den Kommunen immer neue Aufgaben diktiert, ohne sie finanziell abzusichern. Die „Schuldenbremse“ in Bund und Ländern droht ab 2016 noch weitere Kürzungsrunden bei den Kommunen an.

Dahinter steht dieselbe Ideologie, die Merkel, Schäuble und Gabriel gegenwärtig ganz Europa aufdrängen. Finanzminister Schäuble erzählte kürzlich im Interview, er habe Alexis Tsipras, damals noch griechischer Oppositionsführer, schon vor der Wahl erklärt, er müsse nach einem Wahlsieg ohnehin die Troika-Politik fortsetzen – oder er werde scheitern. Das sagt etwas über die Machtverhältnisse in Europa aus. Die herrschende Klasse erklärt den Beherrschten: „Wählen könnt ihr, was und wen ihr wollt, aber bildet euch bloß nicht ein, dass dabei eine andere Politik herauskommt als unsere.“

Was Schäuble so zäh verteidigt, ist die angebliche Alternativlosigkeit einer Sparpolitik, die buchstäblich über Leichen geht. Was alternativlos ist, dagegen ist Widerstand zwecklos. Das geht nicht nur an die Adresse Griechenlands und anderer Länder, in denen ein linker Wahlsieg drohen könnte; es richtet sich auch nach innen, an uns. Dieselbe Wettbewerbsideologie, die ganze Länder kaputt spart, um Banken zu sanieren und der deutschen Exportwirtschaft Märkte zu öffnen, spart auch unsere Städte kaputt, um der Privatwirtschaft Vorteile zu verschaffen.

Wir sind gut beraten, das in Rechnung zu stellen, auch wo es „nur“ um kommunale Wirtschaftsförderung geht: Wettbewerb lässt immer nur die Stärkeren gewinnen. Ein solidarisches Zusammenleben sieht anders aus.