Donnerstag, 16. Juli 2015

Notizen aus der Provinzhauptstadt: TTIP stoppen!

Gemeinsame Erklärung der Dortmunder Bundestagsabgeordneten Ulla Jelpke (DIE LINKE), Marco Bülow (SPD) und Markus Kurth (BÜNDNIS 90/Die Grünen)

V.l.n.r.: MdB Markus Kurth, MdB Ulla Jelpke und MdB Marco Bülow
Gemeinsame Erklärung der Dortmunder Bundestagsabgeordneten Ulla Jelpke (DIE LINKE), Marco Bülow (SPD) und Markus Kurth (BÜNDNIS 90/Die Grünen):
Seit Monaten erleben wir eine kritische Diskussion über das Freihandelsabkommen TTIP. Es wird immer deutlicher, dass TTIP auch massive Auswirkungen auf die Länder und Städte haben wird. Bei einer solch wichtigen Debatte ist es deshalb unumgänglich, parteiübergreifend Kritik zu üben.
Deshalb fordern wir Dortmunder Bundestagsabgeordneten die Bundesregierung und die Europäische UNION auf, die Verhandlungen mit den USA über die Transatlantische Handels und Investitionspartnerschaft (TTIP) zu stoppen.
TTIP steht für den Abbau von Sozial-, Umwelt,- Verbraucher,- und Kulturstandards, für Intransparenz und die Aushöhlung der Demokratie. Es gibt gute Gründe, TTIP abzulehnen.
· Völlige Intransparenz: Die Verhandlungen über die verschiedenen Vertragsbedingungen sind völlig intransparent und laufen unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
· Abbau von Standards: TTIP bedeutet den Abbau von EU-Standards in vielen Bereichen. Zu befürchten sind Eingriffe in die Arbeitnehmerrechte, Absenkungen von Sozialstandards, Senkungen des Verbraucher- und Umweltschutzes, Verhinderung der Regulierung der Finanzmärkte, Deregulierung von Kulturgütern und die Gefahr von Privatisierungswellen in den Kommunen.
· Regulatorische Zusammenarbeit: TTIP ist ein Freifahrtschein für Lobbyisten. Neue Gesetze werden Konzernvertretern vorgelegt, und das bevor die Abgeordneten sie überhaupt zu Gesicht bekommen.
· Schiedsgerichte: TTIP soll ausländischen Unternehmen das Recht einräumen, Staaten vor Sonderschiedsgerichten verklagen zu können. So können Unternehmen bereits dann Klage erheben, wenn eine Umweltschutzauflage oder andere staatliche Maßnahmen die Investitionsgewinne eines Unternehmens beeinträchtigen. Diese Schiedsgerichte stehen außerhalb der ordentlichen Gerichtsbarkeit und führen die Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit - ohne Möglichkeiten der Berufung oder Revision.
· Paradies für Wirtschaftslobbyisten: In der Vorbereitungsphase der Verhandlungen fanden zum Beispiel zwischen Januar 2012 und April 2013 von 560 Treffen der EU-Kommission insgesamt 92% mit Unternehmenslobbyisten statt, dagegen nur 4% mit Gewerkschaften, Verbraucherschützern und zivilgesellschaftliche Organisationen.
Bei TTIP geht es um die schleichende Entmachtung der demokratisch gewählten Parlamente und die Aufweichung des Rechtssystems durch eine parallele Struktur privater Schiedsgerichte. Das Sonderklagerecht ist absurd. Die versprochenen positiven ökonomischen Effekte sind höchst zweifelhaft. Das TTIP-Abkommen ist ein weiterer Versuch, alle Bereiche des öffentlichen Lebens aus rein ökonomischer Sicht zu betrachten. Die Demokratie wird ausgehöhlt, das Abkommen wird in einer nicht hinzunehmenden geheimen, nicht legitimierten Art und Weise ausgehandelt.
Hiergegen wehren wir uns!
Wir benötigen eine ökologisch und sozial nachhaltige Handelspolitik mit einem politischen Ordnungsrahmen. Dieser ist notwendig, um Unternehmen einerseits an bestehende Umwelt- und Sozialstandards zu binden, und andererseits neue Regelungen für Ressourcenschonung, Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte zu erlassen. Darüber hinaus müssen alle Verfahren einer transparenten und demokratischen Kontrolle unterliegen. 

Dafür setzen wir uns ein.

Dienstag, 14. Juli 2015

OXI - gegen das Europa als deutsche Kolonie - ein Europa der Menschen!


Zu strategischen Konsequenzen für die Linke aus der Eurokrise
Nach dem Anschluss der DDR und ihrer Enteignung durch eine Räuberbande namens "Treuhand", nach der kriegerischen Zerstörung Jugoslawiens mit anschließender "Neuordnung" des Balkans hat jetzt die bedingungslose Kapitulation Griechenlands vor der nackten ökonomischen Erpressung durch seine Gläubiger den deutschen Herrschaftsanspruch über ganz Europa erneut mit Flammenschrift an die Wand geschrieben. Und für alle Welt sichtbar enthüllte sich die Europäische Union als die absolut inhumane Kommandostruktur der neuen Kolonialmacht.
Der Traum auch mancher Linker, diese EU ließe sich wirtschaftlich, demokratisch und sozial erneuern, reformieren, humanisieren, hat sich damit wohl für die allermeisten Linken endgültig ausgeträumt.
Unabhängig davon, ob die EU sich das deutsche Diktat dauerhaft gefallen lassen kann oder die Widersprüche aus der ungleichzeitigen Entwicklung der EU-Länder die Zwangsgemeinschaft über kurz oder lang zerreißen müssen - unabhängig davon muss die europäische Linke im Licht der Eurokrise ihre strategische Position zur EU überprüfen und klarer bestimmen:
Statt illusionärer Reformbemühungen am untauglichen Objekt muss sie darauf orientieren, diesen antidemokratischen Herrschaftsapparat auszuhebeln, nämlich durch die Zusammenarbeit der europäischen Nationalitäten auf den Prinzipien der Selbstbestimmung, Unabhängigkeit, Gleichberechtigung und solidarischer gegenseitiger Hilfe zu unterlaufen.
OXI zur marktkonform-technokratisch-antidemokratischen EU, das klingt furchtbar linksradikal - aber unsere Eliten haben Europa an einen Punkt manövriert, ab dem die Scheidelinie zwischen linksradikal und "gemäßigt" da verläuft, wo Slavoj Zizek sie drei Tage vor dem griechischen OXI zog: "Bei näherer Betrachtung seiner (Varoufakis') Vorschläge muss einem unweigerlich auffallen, dass sie vor vierzig Jahren Teil des sozialdemokratischen Standardprogramms gewesen wären; die schwedischen Regierungen der 1960er Jahre etwa verfolgten weitaus radikalere Ziele. Es ist ein trauriges Zeichen unserer Zeit, dass man heutzutage der radikalen Linken angehören muss, um dieselben Mittel zu befürworten - ein Zeichen finsterer Zeiten..."
Das bedeutet übrigens nie und nimmer, dass Linke nicht auch weiter innerhalb der EU-Strukturen arbeiten - sondern auf das Ziel ihrer Arbeit kommt es an. Das Ziel bestimmt die Methoden: Die Zusammenarbeit der Menschen muss von unten und "draussen" aufgebaut werden. Darauf muss künftig der Schwerpunkt linker Europapolitik liegen.

In der Eurokrise hat die SPD ihre Rolle als Stütze des deutschen Herrschaftsanspruchs, für die sie sich seit 1914 immer wieder hergab, einmal mehr auf die Spitze getrieben. Die Mehrzahl ihres Führungspersonals war sich nicht zu schade, populistisch in die reaktionäre Hetze gegen das griechische Volk einzustimmen. Und wie sich zeigte, hat auch die Parteibasis ihre einstigen Grundwerte der internationalen Solidarität und der Solidarität mit den Schwachen und Opfern des Kapitalismus vollständig vergessen.
Mit dieser SPD verbietet sich für Linke eine Regierungskoalition. Alle Spekulationen auf einen Politikwechsel durch "rot-rot-grüne" Regierungsübernahme haben sich damit für lange erledigt.

Die griechische Regierung musste auch deshalb kapitulieren, weil die Solidaritätsbewegung europaweit noch viel zu schwach blieb, um die Erpresser unter Druck zu setzen. Ursachen sind zum einen, dass nach jahrzehntelanger Defensive im pausenlosen Dauerbeschuss der neoliberalen Propagandamedien viele Linke den ungleichen Kampf aufgegeben haben.
Die Resignation verstärken zum anderen Strukturen und strategische Fehlentwicklungen linker Organisation. Eine vor allem parteiförmig aufgestellte, sich in Parlamenten und Verwaltungsapparaten erschöpfende Linke, die hofft, mit Gesetzesinitiativen und Talkshow-Auftritten die EU reformieren zu können, wirkt weder überzeugend noch mobilisierend.
So unverzichtbar auch solche Aktionsformen sind und bleiben - der Schwerpunkt linker Organisationsarbeit muss heute auf die Massenmobilisierung verlagert werden. Dies hat SYRIZA uns einen historischen Moment lang exemplarisch vorgemacht mit ihrer OXI-Kampagne zum Referendum.
Noch einmal Zizek: "SYRIZA...stellt sehr wohl eine Bedrohung für die gegenwärtige Ausrichtung der EU dar - der globale Kapitalismus kann sich eine Rückkehr zum alten Wohlfahrtsstaat nicht leisten... Was, wenn der Moment gekommen ist, die Maske der Bescheidenheit fallen zu lassen und für einen wesentlich radikaleren Wandel einzutreten, um auch nur bescheidene Erfolge zu erzielen? Vielleicht ist das Referendum der erste Schritt in diese Richtung."

Montag, 13. Juli 2015

Krugman: Europäisches Projekt erleidet »tödlichen Schlag«



Der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman kritisiert am Montag in einem Kommentar in der »New York Times« die harte Haltung der EU gegenüber Griechenland in der Schuldenkrise. Die Liste der Forderungen der Eurogruppe nennt er »verrückt«. Krugman weiter: »Das europäische Projekt - ein Projekt, das ich immer gelobt und unterstützt habe - hat gerade einen furchtbaren, vielleicht sogar tödlichen Schlag erlitten. Und was immer man von SYRIZA oder Griechenland hält - die Griechen haben es nicht verbockt.« Laut Krugman liegt der Hashtag »#thisisacoup«, der im Kurznachrichtendienst Twitter hunderttausendfach verbreitet wurde, genau richtig: Das Vorgehen der Eurogruppe gehe über Strenge hinaus »in schiere Rachsucht, in kompletter Zerstörung nationaler Souveränität, ohne Hoffnung auf Abhilfe«. »Es ist vermutlich als Angebot gedacht, das Griechenland nicht annehmen kann - nichtsdestotrotz ist es ein grotesker Verrat an allem, wofür das europäische Projekt eigentlich stehen sollte«. Und weiter: »Auf eine Art ist die Wirtschaft dabei fast zweitrangig. Aber lasst uns darüber im Klaren sein: In den vergangenen Wochen haben wir gelernt, dass Mitglied der Eurozone zu sein bedeutet, dass die Gläubiger Deine Wirtschaft vernichten können, wenn Du aus der Reihe tanzt«, schreibt Krugman weiter.

Samstag, 11. Juli 2015

Warum der Grexit ausfällt


1. Die Regierung Tsipras und das griechische Parlament haben dem Grexit die Kapitulation vorgezogen
Die von Tsipras nach Brüssel gesandte Liste entspricht sehr weitgehend den Forderungen der Gläubiger vor dem Referendum, weil das Land angesichts der Strangulation durch die EZB und der dadurch abgewürgten Wirtschaft in eine verzweifelte Lage rutschte und weitere Verzögerungen katastrophale Auswirkungen hätten. Zwar verlangt Tsipras weiterhin einen Schuldenschnitt, den Berlin kategorisch verweigert, am Donnerstag noch haben Merkel und Schäuble sich wieder ausdrücklich dagegen verwahrt. Stattdessen sollen die griechischen Schulden "umstrukturiert" werden, was das genau bedeutet, bleibt vorerst unklar. Um dennoch eine Mehrheit für die neue Vereinbarung mit Brüssel zu erhalten, war man auf Ja-Stimmen der Opposition angewiesen.

2. Die Beherrscher Europas brauchen noch keinen Grexit, um das unbotmäßige Volk zu bestrafen und die Demokratie marktkonform auszuhebeln
EU-Chef Juncker empfing am Donnerstag eine Delegation der konservativen griechischen Partei Nea Dimokratia und am Freitag den Vorsitzenden der Partei To Potami. Mit einer Abstimmung, in der die Regierung nur mithilfe der alten Memorandumsparteien eine Mehrheit zusammen bekam, während Teile der eigenen Fraktion das neue Sparpaket ablehnten, kann die EU der Welt noch ohne Grexit vorführen: "Widerstand gegen die von uns diktierte Politik ist aussichtslos, es gibt keine Alternative."

3. Die USA sorgen sich um die Bündnistreue Griechenlands - und um den Aufmarsch Deutschlands
James Stavridis, Ex-Admiral der U.S. Navy, bis 2013 Supreme Allied Commander Europe der NATO (SACEUR), warnte in der US-Zeitschrift "Foreign Policy": Werde Griechenland aus der Eurozone gedrängt, dann könne es sich zum "Quertreiber" in der EU und NATO entwickeln. Zudem werde die Krise Auswirkungen darauf haben, wie stark Athen sich an NATO-Operationen, EU-Missionen, "humanitären" Projekten usw. beteilige. Sogar der Zugang zu Griechenlands geostrategisch wichtigen Militärbasen sei dann gefährdet, "in einer Zeit beträchtlicher Spannungen im östlichen Mittelmeer", so der US-Admiral.
Was die US-Diplomatie nicht ausspricht, ist die Sorge, dass Deutschland in der Eurokrise zur unanfechtbar dominierenden Macht in Europa aufgestiegen ist. Das Wallstreet Journal schrieb nach dem griechischen Referendum: "Jahrzehntelang hatte ein Tandem aus Frankreich und Deutschland in Brüssel den Ton angegeben, deutsch-französische Kompromisse hatten von stark divergierenden Standpunkten aus die übrigen EU-Staaten integrieren können. Seit Deutschland nun allein dominiert, ist diese Integrationskraft nicht mehr gegeben. Berlins Macht schafft stattdessen neue Spannungen in der EU, die gegen die anschwellende Dominanz eines ihrer Mitglieder zu kämpfen hat. Spätestens mit dem griechischen "Nein" vom vergangenen Sonntag sind die Gefahren, die aus Deutschlands Aufstieg für das europäische Projekt resultieren, deutlich geworden."
Gelinge es nicht, die Griechenland-Krise einzudämmen, werde der Widerstand gegen "die deutsche Macht in Europa" weiter wachsen. Ähnlich wie die Vereinigten Staaten in der ganzen Welt "polarisiert die deutsche Macht Europa." In Spanien habe der Chef der neuen Partei Podemos kürzlich erklärt: "Wir wollen keine deutsche Kolonie sein," schreibt das Wallstreet Journal.
Berlin kann also (noch) nicht riskieren, sein Ziel mit der Brechstange durchzusetzen.

Freitag, 10. Juli 2015

Notizen aus der Provinzhauptstadt: DEW21 steht vor Totalverlust von 107 Millionen Euro bei RWE-Kraftwerk


Nun kommt es noch viel schlimmer, als selbst wir LINKEN im Dortmunder Stadtrat und die Umweltverbände befürchteten. Nach Informationen des "SPIEGEL" drohen dem Dortmunder  Energieversorger DEW21 GmbH dreistellige Millionenverluste durch den Atom- und Kohlemulti RWE. Es geht um das „Pannenkraftwerk“ GEKKO in Hamm, dessen Anteile mittlerweile wertlos seien, wie das Magazin am Freitag berichtete.
Die RWE AG hatte im Jahr 2007 23 Stadtwerken in NRW Beteiligungen am Bau eines neuen Kohlekraftwerks in Hamm mit rosigen Versprechungen schmackhaft gemacht. DEW21 war gleich mit 107 Mio € eingestiegen, finanziert über Bankkredite, der Dortmunder Stadtrat hatte gegen heftigen Protest der LINKEN und der Grünen mit nur einer Stimme Mehrheit zugestimmt. Insgesamt halten die 23 kommunalen Versorger knapp ein Viertel der 2,4-Milliarden-Investition.

Immer wieder sorgte Gekko wegen Verzögerungen, Störfällen und steigenden Kosten für Schlagzeilen. Letzter Knackpunkt ist der dauerhafte Totalausfall eines ganzen Kraftwerksblocks. Zu Jahresbeginn berichteten Medien, dass einer der beiden Kraftwerksblöcke niemals ans Netz gehen  könnte, nachdem aus ungeklärten Gründen Salzsäure eingeleitet worden war. Seit Monaten liefen Verhandlungen über einen Verlustausgleich für die beteiligten Kommunen. Die Fraktion DIE LINKE & PIRATEN hatte verlangt, darüber den Rat zu informieren, was die Verwaltung mit Hinweis auf noch laufende Gespräche ablehnte.

Jetzt hat der Konzern den betroffenen Stadtwerken in einem Schreiben einen Ausstieg aus dem Projekt und die Übernahme ihrer Anteile zu einem symbolischen Kaufpreis von einem Euro angeboten, so der SPIEGEL. Das bedeutet den Totalverlust des Investments. Ein RWE-Sprecher wollte zu dem Bericht keine Stellung nehmen und verwies darauf, dass Vertraulichkeit bei den laufenden Gesprächen vereinbart sei.
Das bestätigt erneut unseren jahrelangen Kampf, die Energieversorgung unserer Stadt dem Einfluss der RWE zu entziehen.

Donnerstag, 9. Juli 2015

Ein guter Plan für ganz Europa



Le Monde diplomatique vom 09.07.2015


von Gabriel Colletis, Jean-Philippe Robé, Robert Salais



Die aktuelle Krise in Europa hat sich bereits in der globalen Finanzkrise von 2007/2008 angedeutet. Im Grunde schwelt sie schon seit der Einführung des Euro von 1999/2002, was vor allem an der Fehlkonstruktion der Währungsunion liegt: Wenn feste Wechselkurse zwischen den Mitgliedstaaten – und darum geht es beim Projekt einer Gemeinschaftswährung – überhaupt einen Sinn haben sollen, müsste man zuallererst auf eine Konvergenz von Wirtschaftswachstum und Produktivität hinarbeiten. Aber genau das ist in Europa nicht geschehen. So gesehen ist das griechische Drama nur der Extremfall eines allgemeinen Problems: Die meisten Mitglieder der Währungsunion haben Mühe, mit dem Wechselkurs des Euro gegenüber anderen Währungen auf Dauer zurechtzukommen, ohne ihre eigene Währung bei Bedarf abwerten zu können.

Angesichts der gewaltigen Diskrepanzen – insbesondere zwischen Deutschland und den übrigen Mitgliedsländern – müsste es innerhalb der Eurozone monetäre Transfers geben. Es ist Zeit für eine Rückbesinnung auf den britischen Ökonomen John Maynard Keynes, der im Juli 1944 in Bretton Woods den Grundstein für das internationale Währungssystem legte. Keynes’ Vorschlag ließe sich ohne Weiteres auf die Eurozone übertragen: Demnach müssen die Länder ihre Zahlungsbilanzen gemeinschaftlich managen, um sie mehr oder weniger im Gleichgewicht zu halten. Dies lässt sich nicht durch Finanztransfers sowie interne Abwertung1 erreichen, sondern nur durch Investitionen der Überschussländer in den Defizitländern.

Was ist heute das Hauptproblem Griechenlands? Die meisten Leute würden sagen: die Unfähigkeit des Landes, seine Schulden zu begleichen. Laut einer vom griechischen Parlament eingerichteten Untersuchungskommission sind folgende Ursachen für den Schuldenberg verantwortlich: der starke Anstieg der Zinsen zwischen 1988 bis 2000, die extrem hohen Militärausgaben und der dramatische Rückgang öffentlicher Einnahmen seit 2000 infolge von Steuerflucht und Steueramnestien für die Reichen.

Das sind zwar keineswegs alle Gründe. Aber die Verschuldung ist ohnehin nicht die Ursache aller Übel, die durch die Schulden nur verschlimmert werden. Das grundlegende Problem ist die Unterentwicklung des Produktionssektors und dessen logisches Gegenstück: die starke Abhängigkeit Griechenlands von ausländischem Kapital.

Zum jetzigen Zeitpunkt hieße ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone, der eine massive Abwertung der (neuen) griechischen Währung zur Folge hätte, dass sich die Griechen kaum noch die Dinge leisten könnten, die sie zum Leben brauchen.2 Das Land importiert nicht nur so gut wie alle Investitions- und dauerhaften Gebrauchsgüter. Auch in den Bereichen Energie, Arzneimittel, Textilien und elektrische Geräte ist die Handelsbilanz tief in den roten Zahlen. Und selbst bei Agrarprodukten überwiegen die Importe die griechischen Exporte.

Nachdem Griechenland 1981 der Europäischen Gemeinschaft beigetreten war, hat sich der Konsum relativ schnell dem der reicheren Mitgliedstaaten angenähert. Gleichzeitig gab es in der Industrie einen massiven Einbruch: Ihr Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) sank im Zeitraum 1980 bis 2009 von 17 auf rund 10 Prozent. Zwischen 2009 und 2013 stürzte die Industrieproduktion dann noch um weitere 30 Prozent ab.

Das ist der Grund, warum Griechenland heute fast vollständig vom Tourismus und von Kapitaltransfers aus dem Ausland abhängig ist, um seine Leistungsbilanz ausgeglichen zu gestalten. Dabei stammten die Transfersummen früher größtenteils von den Griechen, die auf der Suche nach Arbeit in alle Welt ausgewandert waren. Diese Rücküberweisungen der „Gastarbeiter“ wurden ab 1981 zunehmend durch Gelder aus den Hilfs- und Entwicklungsfonds der EU ersetzt. Doch in den 1980er Jahren beschaffte sich Griechenland – und zwar Banken wie private Unternehmen und letztlich auch der Staat – zusätzlich immer mehr Kapital an den internationalen Finanzmärkten, was den drastischen Anstieg der griechischen Zinsbelastung erklärt.

Die Transfers aus dem Ausland sind jedoch unverzichtbar, da die inländische Wirtschaftsleistung weder zur Aufrechterhaltung von Einkommen und Konsum noch zur Finanzierung des Staats und der öffentlichen Dienstleistungen ausreicht. Diese Kombination eines unterentwickelten industriellen Sektors auf der einen und der Abhängigkeit von ausländischen Finanzmitteln auf der anderen Seite machte das griechische Drama letzten Endes unvermeidlich.

Griechenland braucht Investitionen statt Kredite

Seit 2008 standen die wechselnden Regierungen vor einem doppelten Defizit, nämlich der Außenhandelsbilanz und des Staatshaushalts. Bis 2015, also bis zur Koalition unter ND-Chef Samaras, bestand ihre Reaktion stets darin, den Verbrauch zu drosseln3 und die öffentlichen Ausgaben zu kürzen.4 Das Absenken der Masseneinkommen sollte das Handelsbilanzdefizit, die Kürzung der staatlichen Ausgaben das Haushaltsdefizit senken. Wie die Folgen dieser unseligen Politik in der Praxis aussahen, ist hinlänglich bekannt: Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte um 25 Prozent, die Arbeitslosenquote stieg auf über 27 Prozent, und selbst die Verschuldung erhöhte sich weiter bis auf 177 Prozent des BIPs.

Sogar der IWF gestand 2013 ein, dass die Griechenland aufgezwungenen Bedingungen ein Fehler waren.5 Dennoch bestand er in den jüngsten Verhandlungen auf einer weiteren Kürzung der Renten und einer Erhöhung der Mehrwertsteuer.

Wie könnte eine Alternative aussehen? Ein einseitig vollzogener Schuldenschnitt würde die Spannungen zwischen Athen und den Institutionen verschärfen und damit einen Grexit noch näher rücken. Einen teilweisen Schuldenerlass wiederum hat die Mehrheit der Gläubiger ausgeschlossen. Damit wäre im Übrigen nur etwas Zeit gewonnen, womit man eine dauerhafte Lösung noch weiter aufschieben würde.

Es gibt jedoch einen Ausweg aus der Misere. Die Schuldenkrise ist die perfekte Gelegenheit, die Industrialisierung der europäischen Länder voranzutreiben, die in ähnlichen Schwierigkeiten wie Griechenland stecken. Es wäre also ein Projekt, das weit über den Fall Griechenlands hinausreicht.

Die als nicht rückzahlbar geltenden griechischen Schulden, die größtenteils zwischen 2016 und 2024 fällig werden, belaufen sich auf mindestens 50 Milliarden Euro. Das entspricht etwa 15 Prozent der Gesamtverschuldung. Eine auf dem Industrialisierungsplan basierende Strategie dürfte den Gläubigern die Rückzahlung garantieren.

Wie soll das gehen? Der griechische Staatshaushalt weist derzeit (noch) einen Primärüberschuss aus, das heißt: Ohne den Schuldendienst gibt die Regierung weniger Geld aus, als sie durch Steuern einnimmt. Man kann diesen Überschuss auf zweierlei Weise betrachten: als Potenzial für die Rückzahlung des Schulden, wie es Griechenlands Gläubiger tun; oder aber als Fonds für künftige Investitionen.

Die zweite Lösung würde allerdings eine Restrukturierung der Schulden voraussetzen, und zwar nicht mittels weiterer Kredite von IWF oder EU. Diese Umschuldung würde auf zweierlei Weise geschehen: Erstens müssten die derzeit von IWF und Europäischer Zentralbank (EZB) gehaltenen Schuldscheine mit Fälligkeit zwischen 2016 und 2024 – das sind rund 70 Prozent der gesamten Schulden – an die EU-Staaten übertragen werden. Und zweitens wären die Fälligkeitsdaten so flexibel zu gestalten, dass die Rückzahlungen in einem gegebenen Zeitraum den Primärüberschuss nie übersteigen dürfen, wie die griechische Regierung und Finanzminister Varoufakis seit Langem fordern.

Die EU-Staaten, die von IWF und EZB die griechischen Schuldverschreibungen übernehmen, müssten im nächsten Schritt ihre Forderungen in Höhe von 50 Milliarden Euro an bilaterale staatliche Investitionsfonds überschreiben. Diese würden von öffentlichen Institutionen Griechenlands und der jeweils beteiligten Staaten gemanagt – etwa von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) oder der französischen Banque publique d’investissement (BPI).6

Griechenland würde unterdessen weiter seinen Zahlungsverpflichtungen nachkommen, aber – und das ist der springende Punkt – das Geld ginge nunmehr an die Fonds, aus denen produktive Investitionen im Land finanziert werden. Die griechischen Zahlungen würden also nicht mehr einfach die Kassen der Gläubiger füllen, sondern in die Entwicklung der griechischen Industrie fließen. Die Gläubigerstaaten respektive Investoren erhalten ihr Geld zurück, sobald die Investitionen umgesetzt sind und die Investitionsobjekte verkauft werden können. Das europäische Wettbewerbsrecht hat bislang staatliche Investitionsfonds akzeptiert. Es ist daher kaum vorstellbar, dass die Kommission solche bilateralen Fonds, die ganz ähnlichen Zielen verpflichtet sind, ablehnt.

Arbeitsteilung ist besser als Konkurrenz

Für die Koordinierung der Investitionen wäre in erster Linie eine griechische Entwicklungsbank zuständig, die zugleich als griechischer Partner der bilateralen Fonds fungiert. Diese könnte von den Erfahrungen staatlicher Investitionsfonds profitieren und wäre auch besser gegen Korruption und Misswirtschaft gefeit. Denkbar ist auch, dass die Europäische Investitionsbank (EIB), die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) und vielleicht auch die Weltbank ihre Erfahrungen und sogar Investitionen zu ausgewählten Projekten beisteuern.

Ein derartiger Vorschlag setzt allerdings zweierlei voraus: eine gewisse Fantasie aufseiten der europäischen Regierungen. Und auf griechischer Seite die Bereitschaft zu tiefgreifenden institutionellen Reformen. Vor allem müssten die Griechen ihr altes Wirtschaftsmodell überwinden, das auf Einnahmen aus dem Tourismus und aus Immobilien- oder Importgeschäften beruht und obendrein von klientelistischen Beziehungen durchsetzt ist.

Dringend notwendig sind überdies neue Institutionen wie die bereits beschlossene griechische Entwicklungsbank, neue steuerliche Regelungen für ausländische Investoren sowie die Erstellung eines Katasters für ganz Griechenland und weitere Reformen, die insgesamt auf einen umfassenden institutionellen Umbau hinauslaufen. Ohne ein solches nationales Entwicklungsprojekt wird Griechenland nicht aus der ererbten schwierigen Lage herauskommen, die durch die Sparpolitik ans Licht gebracht, zugleich aber noch verschlimmert wurde.

Die Anstrengungen würden sich ganz sicher lohnen: Die zu Investoren gewordenen Gläubiger würden einen Beitrag zur Industrialisierung Griechenlands leisten und damit zur Senkung der Arbeitslosigkeit, zur Ankurbelung des Konsums, zur Steigerung der Steuereinnahmen und nicht zuletzt, aufgrund der festen Verankerung des Landes in der Eurozone, zur Rückkehr geflohenen Kapitals beitragen.

Eine Konjunkturbelebung in den verschuldeten Eurostaaten würde im Interesse der gesamten Union liegen. Derzeit beschränkt sich die Europäische Kommission darauf, eine möglichst direkte Konkurrenz zwischen den nationalen Industrien zu organisieren. Mit Hilfe der geschilderten Strategie würde sich jedoch die industrielle Arbeitsteilung in Europa verbessern und vertiefen. Man könnte etwa das griechische Know-how in der Lebensmittelproduktion und Naturkosmetik, im Schiffbau und selbst in Teilbereichen der Raumfahrt ausbauen und damit die industrielle Basis der ganzen Region stärken.

Käme ein solches Modell auch in anderen Schuldnerländern zum Zuge, könnte dies zu einem echten gesamteuropäischen Aufschwung beitragen. Ein ökologischer, humaner und solidarischer Entwicklungspfad für Europa, der in Richtung Energiewende und Nachhaltigkeit führt, wäre ein erster Schritt zur Neubegründung des euro­päi­schen Projekts – auf einer ganz ­neuen Basis.



1 Gemeint ist eine Senkung von Löhnen und Preisen, durch die Exporte begünstigt werden sollen, allerdings auf Kosten der Bevölkerung des Landes. Der Effekt für die Handelsbilanz entspricht dem einer Abwertung der heimischen Währung.

2 Siehe auch Niels Kadritzke, „Grexit und was dann?“, Le Monde diplomatique, Juni 2015.

3 Die Kaufkraft der griechischen Privathaushalte ist zwischen 2009 und 2013 um durchschnittlich 25 Prozent geschrumpft.

4 Die Ausgaben für das Gesundheitswesen wurden zwischen 2008 und 2011 um 28 Prozent und die Bildungsausgaben um 15 Prozent gekürzt.

5 Internationaler Währungsfonds, „Greece: ex post evaluation of exceptional access under the 2010 stand-by arrangement”, IMF Country Report 13/156, Washington, D. C., Juni 2013.

6 Der deutsch-griechische Fonds würde 27 Prozent der Forderungen an den griechischen Staat halten, der französisch-griechische 20 Prozent und so weiter.



Aus dem Französischen von Nicola Liebert



Gabriel Colletis ist Wirtschaftsprofessor an der Universität Toulouse-1 Capitole. Jean-Philippe Robé ist Anwalt und Robert Salais ist emeritierter Forschungsleiter am Centre national de la recherche scientifique (CNRS).