1. Hätte der Bundestag die Vereinbarung zwischen den "Institutionen" und der griechischen Regierung mehrheitlich abgelehnt, wäre die Vereinbarung gescheitert. Eine Neuverhandlung mit deutlichen Nachbesserungen für Griechenland wäre aber bis Ende Februar nicht zu erreichen gewesen. Infolgedessen hätte Griechenland ab März die fälligen Tilgungsraten nicht bezahlen können und damit das Ausscheiden aus der Währungsunion riskiert.
2. Wenn also der deutsche Bundestag mehrheitlich dem Votum der Linken-Minderheit gefolgt wäre, hätte er die griechische Regierung in die Zwangslage gebracht, gegen den erklärten Willen der überwältigenden Bevölkerungsmehrheit den Euro zu verlassen und damit noch viel größeres Leid über die griechische Bevölkerung zu bringen als durch die Vereinbarung über die Kreditverlängerung. Das hätte nicht nur die soziale und humanitäre Katastrophe verschärft, sondern vermutlich auch die Syriza-Regierung gestürzt und unkalkulierbare chaotische Entwicklungen ausgelöst.
3. Die mit Nein oder Enthaltung stimmenden Abgeordneten der Linksfraktion konnten sich ihr Abstimmungsverhalten also nur leisten, weil eine sichere Mehrheit für die Zustimmung zu erwarten war. Ein Abstimmungsverhalten, das sich nur eine Minderheit leisten kann, weil und solange sie Minderheit bleibt, das also explizit oder implizit nicht nach der Mehrheit strebt, ist im Wortsinn "verantwortungslos", weil es die Verantwortung für seine Folgen nicht übernehmen muss und will.
4. Dieser rein deklamatorische Radikalismus der linken Minderheit, den von der griechischen Regierung erzielten Kompromiss mit den europäischen Institutionen abzulehnen, lässt die Tatsache außer acht, dass noch in keinem Land der Eurozone eine Mehrheit bereit ist, mit der Herrschaft der Oligarchie zu brechen. Solange dies sich nicht ändert, kann keine Regierung und kein Parlament die Zusammenarbeit mit diesen Institutionen verweigern. Solange geht es immer darum, ob ein jeweils erzielter Kompromiss den realen Kräfteverhältnissen entspricht oder hinter ihnen zurück bleibt.
5. Im Fall der jetzt erzielten Vereinbarung über die Kreditverlängerung war nach realistischer Bewertung aller Fakten kein besserer Kompromiss erreichbar. Die Solidarität mit Griechenland und Syriza hätte also geboten, ihm zuzustimmen.
Samstag, 28. Februar 2015
Mittwoch, 25. Februar 2015
Nach zehn Jahren Hartz IV finden Sozialamt und Jobcenter: „Es gibt eine Vielzahl von sinnvollen Tätigkeiten, die nicht am Markt entstehen.“
Lesermeinung zu RuhrNachrichten vom 03.02.2015: „Tausende sind in Arbeit zu bringen“
Ja, die
Menschen tun gerne Sinnvolles – aber der Markt hat leider nur Sinn für
profitable Tätigkeiten. Das Wort Kapitalismus kommt in dem Interview nicht vor
- er aber sorgt dafür, dass unprofitable Tätigkeiten „am Markt nicht entstehen“,
seien sie noch so sinnvoll. Wo es sie früher mal gab, wurden sie vom Markt
genommen und in Familie oder Kommune verwiesen.
Das
Reparatursystem Hartz IV beruht darauf, dass der Markt sich um die
Rausgeworfenen nicht zu kümmern braucht. Für ihn sind sie unbrauchbar, weg
damit. Die Politik, den Rausgeworfenen oder nie Reingekommenen mit amtlichem
Druck „Marktfähigkeit“ beizubringen, ist zynisch – denn marktgängige
Tätigkeiten sind dabei nicht erlaubt (werden unter der Hand allerdings abverlangt).
Jetzt
rufen Sozialpolitik und Arbeitsverwaltung nach „10.000 öffentlich geförderten
Arbeitsplätzen“ - als gäbe es die nicht längst. Frau Zoerner hat sie in der
Raumfahrt entdeckt: „vollständig öffentlich geförderte Arbeitsplätze.“ Auch Zoerner,
Neese und Neukirchen-Füsers selbst sitzen gut dotiert und durch Tarifverträge gesichert
auf solchen, im öffentlichen Dienst.
Aber was
sie nun vorschlagen, sind untertariflich ausgestattete Plätze für sinnvolle
Tätigkeiten oder anders gesagt für „gute Seelen.“ Von denen halten Stadt und
andere Träger in Räumen eigenen, zumeist minderen Rechts bereits 3.000 Menschen
(vgl. Ihren Hintergrundbericht vom 31.01.). Nur ganz wenige erreichen aus
solchen Programmen „den Markt“, die allermeisten bleiben im Kreislauf von
Armut, Hunger und Zwangssystem.
Das
Reparatursystem Hartz IV ist nicht zu reparieren. „Der Markt“ braucht Regeln,
die über den Profit hinausweisen.
Wolfgang
Richter
Montag, 23. Februar 2015
Aufklärung hilft: Zustimmung zu TTIP deutlich gesunken.
Emnid-Umfrage im Auftrag von "foodwatch", Mitte Feburar 2015, repräsentativ (1002 Befragte):
Das geplante Freihandelsabkommen TTIP zwischen der Europäischen Union und den USA verliert in der deutschen Bevölkerung massiv an Zuspruch. Nur noch 39 Prozent der Bürger halten TTIP für „eine gute Sache“, ergab eine aktuelle Repräsentativ-Befragung des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid im Auftrag der Verbraucherorganisation foodwatch. Bei identischer Fragestellung hatten im Oktober 2014 noch 48 Prozent, im Februar 2014 sogar noch 55 Prozent der Bürger die Handelspartnerschaft befürwortet. In der aktuellen Umfrage sagen 40 Prozent der Befragten, TTIP sei „eine schlechte Sache“ (Oktober 2014: 32 Prozent, Februar 2014: 25 Prozent).
Besonders kritisch sehen die Bürger, dass TTIP voraussichtlich zu einer Einschränkung des Gestaltungsspielraums für die Gesetzgeber führen würdet. Die so genannte regulatorische Kooperation und die völkerrechtliche Bindung eines TTIP-Vertrags hätten zur Folge, dass die EU und Deutschland viele Gesetze nicht mehr ohne Zustimmung des Handelspartners USA beschließen könnten. Eine solche Einschränkung des Gesetzgebungsspielraumes lehnen fast zwei Drittel der Bürger ab (64 Prozent).
mehr: http://www.foodwatch.org/de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung-emnid-umfrage-zustimmung-zu-ttip-deutlich-gesunken-buerger-lehnen-einschraenkung-der-gesetzgebungskompetenz-ab-heutige-spd-konferenz-geht-an-wesentlichen-themen-vorbei/?utm_medium=twitter&utm_source=twitterfeed
Das geplante Freihandelsabkommen TTIP zwischen der Europäischen Union und den USA verliert in der deutschen Bevölkerung massiv an Zuspruch. Nur noch 39 Prozent der Bürger halten TTIP für „eine gute Sache“, ergab eine aktuelle Repräsentativ-Befragung des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid im Auftrag der Verbraucherorganisation foodwatch. Bei identischer Fragestellung hatten im Oktober 2014 noch 48 Prozent, im Februar 2014 sogar noch 55 Prozent der Bürger die Handelspartnerschaft befürwortet. In der aktuellen Umfrage sagen 40 Prozent der Befragten, TTIP sei „eine schlechte Sache“ (Oktober 2014: 32 Prozent, Februar 2014: 25 Prozent).
Besonders kritisch sehen die Bürger, dass TTIP voraussichtlich zu einer Einschränkung des Gestaltungsspielraums für die Gesetzgeber führen würdet. Die so genannte regulatorische Kooperation und die völkerrechtliche Bindung eines TTIP-Vertrags hätten zur Folge, dass die EU und Deutschland viele Gesetze nicht mehr ohne Zustimmung des Handelspartners USA beschließen könnten. Eine solche Einschränkung des Gesetzgebungsspielraumes lehnen fast zwei Drittel der Bürger ab (64 Prozent).
mehr: http://www.foodwatch.org/de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung-emnid-umfrage-zustimmung-zu-ttip-deutlich-gesunken-buerger-lehnen-einschraenkung-der-gesetzgebungskompetenz-ab-heutige-spd-konferenz-geht-an-wesentlichen-themen-vorbei/?utm_medium=twitter&utm_source=twitterfeed
Labels:
TTIP
Standort:
Dortmund, Deutschland
Freitag, 20. Februar 2015
Notizen aus der Provinzhauptstadt: Freie Deutung der Armutsstatistik.
"Armutsquote sinkt in Dortmund gegen den Trend."
So titelten die RuhrNachrichten im Dortmunder Lokalteil vom 20.02.2015. Da können die für unser Wohlergehen Zuständigen sich ja selbstgefällig zurücklehnen: Alles "auf gutem Weg", die neueste Imagekampagne bringt's doch: "Dortmund überrascht. Dich."
Nur leider musste die Erfolgsmeldung der Statistik etwas Gewalt antun. Erstens reichen die vom Paritätischen Wohlfahrtsverband veröffentlichten Armutsquoten nur bis 2013 und bilden die jüngste Entwicklung gar nicht ab, so dass im zitierten Titel die Gegenwartsform glatt aus der Luft gegriffen ist. Zweitens - und das wiegt schwerer: Die Armutsquote sank in den sieben aufgeführten Jahren seit 2006 nur ein einziges Mal, von 2012 auf 2013. Und warum? Weil sie 2012 um 1 % noch stärker gestiegen war als der siebenjährige Trend es eigentlich erwarten ließ. Mit anderen Worten: 2013 bewegte der Anstieg sich wieder genau auf der Trendkurve und lag um 1,3 Prozentpunkte höher als 2011. Der Wahrheit näher kommt also die Schlagzeile:
Anstieg der Armutsquote in Dortmund ungebrochen.
So titelten die RuhrNachrichten im Dortmunder Lokalteil vom 20.02.2015. Da können die für unser Wohlergehen Zuständigen sich ja selbstgefällig zurücklehnen: Alles "auf gutem Weg", die neueste Imagekampagne bringt's doch: "Dortmund überrascht. Dich."
Nur leider musste die Erfolgsmeldung der Statistik etwas Gewalt antun. Erstens reichen die vom Paritätischen Wohlfahrtsverband veröffentlichten Armutsquoten nur bis 2013 und bilden die jüngste Entwicklung gar nicht ab, so dass im zitierten Titel die Gegenwartsform glatt aus der Luft gegriffen ist. Zweitens - und das wiegt schwerer: Die Armutsquote sank in den sieben aufgeführten Jahren seit 2006 nur ein einziges Mal, von 2012 auf 2013. Und warum? Weil sie 2012 um 1 % noch stärker gestiegen war als der siebenjährige Trend es eigentlich erwarten ließ. Mit anderen Worten: 2013 bewegte der Anstieg sich wieder genau auf der Trendkurve und lag um 1,3 Prozentpunkte höher als 2011. Der Wahrheit näher kommt also die Schlagzeile:
Anstieg der Armutsquote in Dortmund ungebrochen.
Standort:
Dortmund, Deutschland
Donnerstag, 19. Februar 2015
Notizen aus der Provinzhauptstadt: RWE-Ausverkauf geht weiter, in RWE-Dortmund – noch – nicht
Am Freitag-dem-dreizehnten (Februar) meldete die WAZ:
„RWE
verkauft Hälfte des Groß-Windparks Triton Knoll“ vor der englischen Ostküste.
Am selben
Tag berichtete die taz:
„Divestment
Day in Münster - Kein Kapital für Kohle. Als wenn das Kohle- und
Atom-Unternehmen RWE nicht schon genug Probleme mit der Energiewende hätte. Nun
kommt auch noch die Stadt Münster und will Aktien des Konzerns verkaufen, um
Druck für mehr Klimaschutz zu machen. „Soweit wir wissen, sind wir die erste
deutsche Kommune, die das beschlossen hat“, sagte Otto Reiners, der
Fraktionssprecher der Grünen im Stadtrat.
Damit
agiert die Stadt ganz im Sinne der Umweltschützer, die sich am Freitag und
Samstag bei Aktionen an vielen Orten in Deutschland und anderen Staaten für das
sogenannte Divestment einsetzen: Investoren wie Kommunen, Staatsregierungen,
Banken und Pensionsfonds sollen Anlagekapital aus Industrien abziehen, die
Kohle, Gas und Öl fördern, verarbeiten und verbrennen. Damit wollen die
Aktivisten Firmen drängen, aus fossilen Energien auszusteigen und mehr
Klimaschutz zu betreiben. In Münster hat der Stadtrat unter anderem mit den
Stimmen der Grünen und der SPD einen solchen Beschluss gefasst. Der Kämmerer
von der CDU muss ihn nun umsetzen. Allerdings geht es um relativ bescheidene
Summen. In zwei Investmentfonds stecken Rücklagen für die Pensionen der
städtischen BeamtInnen in Höhe von 10 bis 12 Millionen Euro, die umgeschichtet
werden sollen. Ein Teil davon ist unter anderem in Aktien von RWE angelegt.“ (Infos
zum Global Divestment Day: gofossilfree.org/de/)
Münster wird
damit Vorbild in Sachen Klimaschutz. Die RWE-Hochburg Dortmund hingegen prahlt
zwar mit einem „Handlungsprogramm Klimaschutz“ und einem „Masterplan
Energiewende“ – ist aber mit ganz anderen Summen an den Atom- und Kohle-Multi
gekettet: Die Dortmunder Stadtwerke halten ca. 23 Millionen Stück RWE-Aktien
mit einem aktuellen Börsenwert von rund 540 Mio.€ im Portefeuille (vor der
Energiewende war Dortmunds RWE-Aktienpaket noch über 2 Mrd.€ wert, heute nur
noch 540 Mio!). Das sind zwar „nur“ ca. 3,7 % des gesamten Aktienkapitals von
RWE. Aber wollten sie die heute verkaufen, würden sie wohl kaum einen Käufer
finden. Denn der Börsenkurs des Unternehmens ist binnen sechs Jahren auf
weniger als ein Viertel abgesackt und wird voraussichtlich weiter verlieren,
weil RWE mit der brutalen Macht der „Systemrelevanz“ gegen die Energiewende gepokert
und sich verzockt hat. Erkennbar etwa an der WAZ-Meldung oben.
Allerdings
wäre es heute nicht mehr möglich, mit dem Verkaufserlös der RWE-Aktien die
40-%-Beteiligung der RWE an der Dortmunder Energie- und Wasserversorgung
abzulösen, um diese vollständig zu rekommunalisieren. Hat doch hier erst vor
wenigen Wochen eine GroKo der RWE-Amigos im Stadtrat bedenkenlos den
Klimaschutz nieder gestimmt und den Gesellschaftsvertrag mit RWE um 25 Jahre
verlängert. Und das obgleich nach neuer Rechtslage Kommunen nicht erst bei
einem Verkauf der RWE-Aktien, sondern fortlaufend Wertverluste gegenüber einem höheren
Einkaufspreis der Aktien als realen Verlust von ihrem Vermögen abbuchen müssen.
Allein die 3,3 Millionen Stück, welche die Dortmunder Stadtwerke seit 2008
zugekauft hatten, mussten sie bis Ende 2013 um 80 Mio € „wertberichtigen“, das
heißt als Verlust ausbuchen, und bis zum heutigen Tageskurs der RWE-Aktie
dürften weitere 10 Mio € abgeschmolzen sein. Das mindert das Eigenkapital und
zwingt die defizitäre Stadtkasse, den Stadtwerken immer neues Kapital
nachzuschießen. Bei einem Verkauf des ganzen Pakets dürften weit über hundert
Millionen Miese den Verkaufserlös schmälern.
Fazit:
Die Stadt Dortmund bleibt auf absehbare Zeit an den Niedergang des Dinosauriers
RWE gekettet. Und zwar aus eigenem Versagen und Verschulden. Da fragt man sich,
was gewählte Stadtpolitiker antrieb, die Kommune so auf Gedeih und Verderb an
einen privaten Großkonzern auszuliefern. Wenn man sich nicht mit dem
naheliegenden, aber unzureichenden Verweis auf die Bestechung mit
Aufsichtsrats- und Beiratsgeldern von RWE zufrieden gibt, bleibt als Erklärung
nur die Ideologie: Ein Jahrhundert lang hielten auch Sozialdemokraten, durch
keinerlei Katastrophen belehrbar am bürgerlichen Glauben fest, das Wohl und
Wehe des Staatswesens und somit auch der Gemeinden hänge am Wohlergehen großer
Wirtschaftsunternehmen, egal ob in öffentlicher oder privatkapitalistischer Hand.
Von dieser Ideologie wollen sie auch heute nicht lassen – mit seltenen
Ausnahmen wie jetzt in Münster – die neueste Spielart des Sozialdemokratismus
gibt sogar dem neoliberalen „Privat vor Staat“ den Vorzug, siehe Sigmar Gabriel
und TTIP. Koste es was es wolle – nur bei extremer politischer Wetterlage
müssen sie ja persönlich dafür haften.
Donnerstag, 12. Februar 2015
Notizen aus der Provinzhauptstadt: RWE pokert gegen Kommunen auch um Grundstücke
Dortmund hat's ja - das Geld für den nächsten "Leuchtturm", das nächste Spekulationsprojekt, das zu scheitern droht: "NewPark", ein riesiges neues Industriegebiet zwischen Datteln und Waltrop. Seit 2009 kämpft DieLINKE im Dortmunder Stadtrat gegen die Beteiligung der Stadt an diesem Wahnsinn. Nachdem die rot-grüne Landesregierung nach einigem Hin und Her eine Landesbürgschaft für das Vorhaben ablehnte - immerhin trägt sie 90 % der Entwicklungskosten von 2,9 Mio € und hat noch im Dezember 2014 eine neue Rate von 585.000 € nachgeschossen! - verstieg sich die Lokalpolitik zur Idee, das Projekt selber zu stemmen. Neun Gesellschafter wollen sich die Finanzierung des 100 Millionen Euro teuren Industriegebietes teilen. Die Dortmunder Wirtschaftsförderung ist mit 15 % dabei. Das ist schon abenteuerlich in einer unter Spardiktaten stöhnenden Region.
Doch wir haben noch weitere gewichtige Gründe, das Projekt
abzulehnen.
Der Standort liegt in den ehemaligen Dortmunder
Rieselfeldern, einer ehemaligen Heidelandschaft zwischen Datteln, Waltrop und
Lünen. 1978 endete die Berieselung der Flächen. Die Stadt Dortmund verkaufte
die ca. 1.000 ha an die VEW, heute RWE. Diese plante hier zunächst den Bau
eines Großkraftwerks. Seit am Strommarkt immense Überkapazitäten auflaufen, wird
für das Gelände die Idee des "NewPark" verfolgt; seit 2003
ausschließlich auf Dattelner Stadtgebiet, nachdem der Waltroper Stadtrat die
Umsetzung des NewPark-Konzeptes ablehnte.
Noch heute dienen die ehemaligen Rieselfelder primär der
landwirtschaftlichen Nutzung und der Freizeit. Dorthin kommt man einzig mit
Kfz. Wasserstraßen, Bahnlinien, Autobahnen, Stromleitungen usw. sind relativ
weit entfernt. Für die Anbindung werden zwei neue Straßen geplant: die B 474n
als Verlängerung der sogen. Sauerlandlinie und eine Weiterführung der
Kreisstrasse K12.
Die betroffenen Gebiete stellen eine bäuerliche
Kulturlandschaft dar, die sich durch Hecken und Waldbestand auszeichnet. Mit
den angrenzenden Lippeauen bilden sie einen ökologisch wertvollen Lebensraum
für zahlreiche Tierarten. Von 92 erfassten Vogelarten stehen 42 auf der
Roten Liste der gefährdeten Tierarten. Zu den ökologischen Auswirkungen gesteht
der Rahmenplan ein: "Eine Zunahme der Kfz-Menge - insbesondere des
LKW-Verkehrs - und der damit verursachten Emissionen und Immissionen wäre für
den sensiblen Bereich der Lippeaue, in deren Einflussbereich sich der
Fahrzeugstrom auf der K 12 bewegt, nicht unproblematisch." Dieses
großenteils als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesene Areal ist zudem Naherholungsgebiet
für die angrenzenden Wohnsiedlungen.
Hinzu kommt als dritter Grund unserer Ablehnung das
spekulative Pokern des Atom- und Braunkohle-Multis RWE. Jahrelang verlangte RWE
15 Mio.€ für das Gelände. Der Grunderwerb war bis 30.09.14 vorgesehen. Doch nach
etlichen verstrichenen Fristen will der Konzern jetzt nicht mehr nur einen
‚Schnäppchenpreis‘, sondern einen ‚marktgerechteren‘ Preis erzielen. Die Rede
ist jetzt von 30 Mio €.
Samstag, 7. Februar 2015
Notizen aus der Provinzhauptstadt: Hinter’m Mond nichts Neues.
11,2 Milliarden Euro haben Deutschlands Stromverbraucher im Jahr 2013 gespart, weil in großem Umfang Erneuerbare Energien ins Stromnetz eingespeist wurden. Das ermittelten jetzt Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) im Auftrag der Siemens AG.
Im ganzen Land gründeten sich in den letzten Jahren 72 neue
Stadtwerke, um von den Chancen der Energiewende für ihre Bürger zu profitieren.
Doch in Dortmund gehen die Uhren anders, hier bleibt die Energieversorgung
hinter’m Mond. Der hiesige Stadtwerke-Chef Pehlke bewies sich auf einer ganzen
Zeitungsseite wieder mal als nibelungentreuer Lobbyist des Atom- und
Braunkohle-Multi‘s RWE, mit dem er durch Über-Kreuz-Verflechtungen eng
verbandelt ist. Wie Don Quichote ficht er gegen die Erneuerbaren Energien, und
das mit Halbwahrheiten, die bekanntlich schlimmer als offene Lügen sind.
Pehlke’s Halbwahrheit:
Die Verbraucher würden „pro Jahr mit 25 Milliarden Euro
EEG-Umlage belastet.“
Die volle Wahrheit zeigt die Studie der Nürnberger
Wissenschaftler: Die rein konventionelle Stromerzeugung mit Atom-, Kohle- und Gaskraftwerken,
ohne Wind, Biomasse und Photovoltaik wäre in den vergangenen Jahren deutlich teurer
ausgefallen als die Belastung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Den
Kosten der EEG-Umlage von 20,4 Milliarden Euro standen im Jahr 2013
Einsparungen für konventionell erzeugten Strom von rund 31,6 Milliarden Euro
gegenüber. Daraus errechnen sich für die Letztverbraucher – die den Strom
privat oder gewerblich verwenden und nicht weiterveräußern – im Jahr 2013 trotz
der Mehrkosten durch die EEG-Umlage insgesamt Einsparungen in Höhe von etwa
11,2 Milliarden Euro.
Der Grund dafür ist der Rückgang der konventionellen und
nuklearen Stromerzeugung nach dem von der Bundesregierung beschlossenen
Ausstieg aus der Kernenergie. Das verringerte Strom-Angebot hätte zwar das Verhältnis
von Angebot und Nachfrage an den deutschen Strommärkten hin zu deutlich höheren
Börsenpreisen verschoben. Aber der Ausbau Erneuerbarer Energien und das daraus
resultierende Überangebot an den Strommärkten wirkten sich preismindernd aus.
Allerdings fällt die Ersparnis unterschiedlich groß aus. Für
Privathaushalte und gewerbliche Stromverbraucher entsprach die Einsparung von
5,29 ct/kWh durch die Stilllegungen in etwa den Mehrkosten der EEG-Umlage von
5,277 ct/kWh – für sie hätte sich also wenig geändert, aber nichts
verschlechtert. Für die von der EEG-Umlage befreiten Betriebe aber hätten sich
die Einsparungen mehr als verdoppelt auf knapp 11 Milliarden Euro.
Pehlke‘s
Halbwahrheit:
„Wenn wir diesem Systemansatz (der Energiewende) jetzt nicht
gegensteuern, ist die Versorgungssicherheit ab 2020 aufgrund des Ausstiegs aus
der Kernkraft nicht mehr gewährleistet.“
Im exakten Gegensatz zu dieser Gerüchtemacherei zeigt die Nürnberger
Studie: Ohne Wind und Photovoltaik, nur mit der maximal zur Verfügung stehenden
konventionellen und nuklearen Erzeugungskapazität hätte 2013 die Nachfrage allein
nicht gedeckt werden können. Dies bedeutet zwar nicht automatisch, dass Großstörungen
(„Blackouts“) entstanden wären, da die Betrachtung Reservekraftwerke und
mögliche Stromimporte nicht berücksichtigt. Aber ein stabiler Netzbetrieb
konnte nur durch die Einspeisung Erneuerbarer Energien sicher gewährleistet
werden. Erneuerbare Energien erhöhen also vor dem Hintergrund
reduzierter konventioneller und nuklearer Kraftwerkskapazitäten auch die
Versorgungssicherheit am bundesdeutschen Strommarkt.
Details und link zur Studie: http://www.nachdenkseiten.de/?p=24905#h014
zu Pehlke`s Halbwahrheiten und seiner Hinter’m-Mond-Strategie
der Dortmunder Stadtwerke: RuhrNachrichten 07.02.15, Seite DOLO2.
Freitag, 6. Februar 2015
"Modell Deutschland" gerät in die Defensive.
Wenn nach jüngsten Umfragen hierzulande immer noch eine Mehrheit den Merkel'schen "Spar- und Reformkurs" gutheißt und, weil er ja uns Deutschen den Aufschwung aus der Krise beschert habe, ihn auch den Griechen und ganz Europa aufdrücken will, so geht diese Mehrheit bewußt oder gutgläubig der regierungsamtlichen und medialen Propaganda auf den Leim. Diese stellt anhand einseitiger und verzerrender Auswahl statistischer Daten "Deutschland" als ein besonders erfolgreiches, nachahmenswertes Modell dar. Die Schattenseiten des Vorsprungs der deutschen Wirtschaft aber werden systematisch verschwiegen.
Die langen Schatten
des "Modells Deutschland"
Zum Beispiel lässt unsere mit vielen Tricks geschönte
Arbeitslosenstatistik kaum noch erkennen, wie hoch die Arbeitslosigkeit
wirklich ist. Der riesige Niedriglohnsektor, mit dem sie "bekämpft"
wird, übertrifft die meisten anderen Euroländer bei weitem, weshalb Merkel auch
die 1-Euro-Jobs in ganz Europa einführen will. Über 3,1 Millionen Erwerbstätige
im reichen Deutschland gelten als arm trotz Arbeit (2013), weil ihre Löhne plus
staatliche Hilfen (Wohngeld, Kindergeld, ergänzendes Arbeitslosengeld) zusammen
weniger als 979 Euro netto im Monat ergeben. Der Mindestlohn, der am 1.Januar
endlich auch in Deutschland Gesetz wurde, liegt niedriger als in vielen anderen
europäischen Ländern. Er wird an der anwachsenden Armut in Deutschland wenig
ändern, denn sein Nettobetrag reicht in den meisten Fällen kaum an die
Armutsschwelle heran und dient unterhalb dieser Schwelle mehr zur Entlastung
der Staatskasse von Sozialleistungen als zu echten Einkommenssteigerungen. Auch
schießt die Unternehmerlobby in den Regierungsparteien immer mehr Löcher ins
Gesetz, was man durchaus als eine Variante von Klientelpolitik bezeichnen muss,
wie sie "den Griechen" vorgeworfen wird.
Zu den Schattenseiten "unseres" Aufschwungs gehört
auch die skandalöse Kinderarmut, die verlotterte öffentliche Infrastruktur, das
vorzeitige Burnout der Arbeitskraft, der hohe Krankenstand bei stressbedingten
Leiden, das hohe Maß an Frühverrentungen, die Überlastung und Überforderung der
Familien, unser altmodisches Bildungssystem mit viel höheren Klassenfrequenzen
als in den meisten Nachbarländern, die finanziell ausgebluteten Kommunen, die
explodierende Belastung privater Haushalte durch Mieten und Energiepreise (in
anderen Ländern schützt eine höhere Wohneigentumsquote auch vor Altersarmut)
und-und-und. Vor den Lobgesängen auf das "Modell Deutschland" muss
also die Frage stehen:
Wer ist
"Deutschland", wer sind "die Griechen"?
Wem gehören denn die Banken, die in der Finanzkrise ihre
faulen Kredite auf die EZB abwälzen konnten? Sie gehören dir und mir so wenig
wie den griechischen Arbeitern und Kleinbauern - aber diese und wir zusammen
müssen letztlich dafür bluten. Wem gehören denn die Supergewinne, die hier wie
in Griechenland an der Steuer vorbei auf Auslandskonten verschoben werden? Wer
macht denn hier wie in Griechenland solche Steuergesetze, dass Großkonzerne
praktisch keinen Euro Steuern zahlen müssen, während der griechischen
Bevölkerung die Mehrwertsteuer von 19 auf 23 % erhöht wurde? Wer hat den Nutzen
davon, dass in Deutschland schon viel länger als in Griechenland die Löhne weit
hinter der Arbeitsproduktivität der Industrie zurück blieben?
Nüchtern und ohne chauvinistische Scheuklappen betrachtet
müssen wir feststellen, dass es mittel- und längerfristig auch unsere Löhne
sind, die die Mehrheit der Arbeiter und Bauern in Griechenland gegen ihre und
unsere Oligarchenschicht verteidigt. So wie es auch in unserem Interesse als
Steuerzahler liegt, dass Griechenland nicht noch mehr erdrosselt wird mit den
Diktaten der Troika, sondern Luft bekommt, um sich zu erholen.
Das "Modell", das Merkel u.co. Europa aufzwingen
wollen, ist drauf und dran, Europa zu ruinieren. Die meisten Völker Europas sind
dabei, das zu erkennen und Konsequenzen daraus zu ziehen. In Deutschland hat
Merkel noch eine Mehrheit.
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